Werkstattbesitzer in Kabul

Kann und sollte man in Afghanistan außerhalb der direkten humanitären Hilfe noch tätig werden? Oder ist dort eh Hopfen und Malz verloren, bzw. unterstützt nicht jedwede wirtschaftliche Tätigkeit direkt oder indirekt die Taliban? Ein Interview mit Bernd Leidner, Vorstandsvorsitzender der Afghan Credit Guarantee Foundation (ACGF).

Der Kreditgarantiefonds Afghanistan (ACGF) ist im Ursprung ein Projekt der deutschen EZ. ACGF war vor der Machtübernahme durch die Taliban eines der erfolgreichsten Projekte internationaler Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan. Dieser Fonds garantierte 50% der in Afghanistan vergebenen Kredite an Klein- und mittlere Unternehmen. Jetzt nach der Machtübernahme durch die Taliban nimmt ACGF die Garantietätigkeit wieder auf. Bernd Leidner, einer der beiden Geschäftsführer des ACGF, nimmt Stellung.

Das Interview wurde geführt von Roger Peltzer, der Mitglied des Kuratoriums der ACGF Stiftung ist und der 2014 maßgeblich an der Umwandlung des durch die DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft verwalteten Garantieprogramms in eine Stiftung beteiligt war.

Frage: Herr Leidner, Sie sind seit über 30 Jahren im „Geschäft“ der Etablierung von Kreditgarantiefonds unterwegs – zunächst in Palästina und dann ab 2004 auch in Afghanistan. Wie funktioniert ein Kreditgarantiefonds?

Antwort: Wichtigste Voraussetzung ist zunächst ein ausreichendes Eigenkapital des Kreditgarantiefonds, bereitgestellt von einer Regierung oder häufig auch von Geberinstitutionen. Auf dieser Basis ist der Fonds dann in der Lage, die Kredite von Banken an kleinere und mittlere Unternehmen zu üblicherweise 50 – 80% zu garantieren. Garantien zu 100% werden idealerweise nicht vergeben, damit die Banken ein gewisses Eigenrisiko behalten und insofern eine sorgfältige Auswahl ihrer Kreditnehmer sicherstellen. Ohne diese Garantien würden die Banken solche KMU-Kredite wegen des damit behafteten Risikos – sei es lediglich subjektiv wahrgenommen oder tatsächlich objektiv vorhanden – weitgehend nicht vergeben. In Afghanistan wie auch in anderen Entwicklungsländern haben wir außerdem den Fall, dass die Zentralbank diese Garantien als Sicherheiten anerkennt und den Banken zusätzliche Vorteile für die Berechnung der Eigenkapitalquoten und der Rückstellungen gewährt. Ohne den Kreditgarantiefonds könnten die Banken sonst insgesamt wesentlich weniger Kredit vergeben und die Risikokosten dieser Kredite wären höher.

Wichtig ist noch, dass in vielen Ländern der Endkreditnehmer, also der Kunde, der von der Bank den Kredit bekommt, nicht weiß, dass dieser Kredit garantiert ist. Die Zahlungsmoral der Kunden soll so nicht beeinträchtigt werden. Die Partnerbanken erhalten zudem durch die ACGF substanzielle so genannte technische Assistenz (TA), die es ermöglicht, bedarfsgerechte Kreditprodukte zu entwickeln und ihre Kreditprozesse zu professionalisieren und auch so die Ausfallrisiken zu minimieren.

Frage: Kann ein Kreditgarantiefonds dann nur 1:1 in Höhe seines Eigenkapitals Garantien vergeben?

Antwort: Nein, da die Ausfallwahrscheinlichkeiten, wie wir noch sehen werden, in normalen Zeiten gering sind, können Garantiefonds ihr Kapital hebeln und deutlich mehr Garantievolumen abdecken als Eigenkapital vorhanden ist; im Falle von ACGF beträgt dieser Hebel in der Regel das Fünffache. Dieser Faktor ist einer der wesentlichen Effizienzvorteile von Kreditgarantiefonds.

Frage: Wie kam es zum Kreditgarantiefonds Afghanistan und zu der heutigen Stiftungskonstruktion?

Antwort: Nachdem ich in den palästinensischen Gebieten Erfahrungen mit Kreditgarantien gesammelt hatte, ist die DEG 2004 an mich mit der Bitte herangetreten, ein Kreditgarantieprogramm für Afghanistan zu konzipieren. Dieses wurde dann 2005 mit zunächst 1 Mio. EUR vom BMZ (das BMZ hat später weitere Mittel in substantiellem Umfang bereitgestellt) und 5 Mio. USD von USAID auf den Weg gebracht. Zunächst war die DEG der Treuhänder dieser Linie und musste die von unserer Mannschaft in Kabul auf den Weg gebrachten Garantien noch alle einzeln in Köln bewilligen. Auf diesem Wege haben wir von 2005 – 2014 immerhin Garantien in der Höhe von 99 Mio. USD und somit Kredite an KMU von insgesamt 133 Mio. USD auf den Weg gebracht – und dies mit sehr guten Rückzahlungsraten: die Ausfallquote der zu Grunde liegenden Kredite betrug unter 2%.

Dieses Programm gehörte nicht zum Kerngeschäft der DEG und gleichzeitig weitete sich das Geschäftsvolumen zunehmend aus; es musste eine institutionelle Lösung gefunden werden. Mit Unterstützung von BMZ und DEG – und nach anfänglicher Skepsis seitens Bundesrechnungshof und Bundesfinanzministerium – haben wir dann die Afghan Credit Guarantee Foundation auf den Weg gebracht. Das ist eine gemeinnützige Stiftung deutschen Rechts mit Sitz in Köln. Sie unterhält in Kabul eine privatrechtlich organisierte Tochtergesellschaft, die das Geschäft vor Ort in Zusammenarbeit mit der Zentrale in Deutschland vorantreibt.

Frage: Wie ging es dann nach Gründung der Stiftung weiter?

Antwort: Wir haben zunächst einen Zuschuss der Weltbank in Höhe von 5,6 Mio. USD bekommen. Dazu kam eine Linie für Technische Assistenzmaßnahmen in Höhe von 2,5 Mio. USD. Im Jahr 2020 sagte uns die Weltbank einen Finanzrahmen im Umfang von bis zu 60 Mio. USD zu, von dem bis zur Machtübernahme der Taliban 16 Mio. USD zur Auszahlung kamen.  Parallel dazu bewilligte die KfW eine Zustiftung in Höhe von bis zu 14,5 Mio. EUR. Somit konnten wir unser Geschäft erheblich ausweiten und hatten vor der Machtübernahme der Taliban 60 MitarbeiterInnen vor Ort. Das Kreditgeschäft wurde auf kumuliert 260 Mio. USD ausgeweitet. ACGF hatte zu dieser Zeit knapp die Hälfte aller ausstehenden KMU-Kredite in Afghanistan in den Büchern. Die Kreditgrößen beliefen sich von wenigen tausend USD bis auf 0,5 Mio. USD. Unser Monitoring & Evaluierungssystem zeigte, dass wir mit unseren Aktivitäten ca. 50.000 Arbeitsplätze erhalten und 9.000 neue geschaffen hatten. Wir waren – ohne dass das jetzt überheblich klingen soll – sicher eines der erfolgreicheren Projekte der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan.

Frage: Und dann kam die Machtübernahme durch die Taliban. Welche Auswirkungen hatte diese für die ACGF?

Antwort: Zunächst einmal haben wir innerhalb kurzer Zeit mit Unterstützung des BMZ und weiterer Organisationen alle unsere MitarbeiterInnen (so genannte Ortskräfte) einschließlich ihrer Familien (insgesamt 250 Personen) nach Deutschland evakuiert. Unser Büro war von den Taliban in Beschlag genommen, aber nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, eröffneten wir dann bald ein neues Büro in Kabul. So kontraintuitiv es klingt, aber unter den Taliban hat sich die Sicherheitslage durchaus verbessert, so dass wir wieder unproblematischer nach Afghanistan reisen können und dies auch regelmäßig tun. Unsere Partnerbanken und Partnermikrofinanzinstitutionen hatten natürlich aufgrund des Regimewechsels erhebliche Verluste in ihren Kreditportfolios – auch wenn diese am Schluss geringer ausfielen als wir zunächst befürchtet hatten. Wir haben uns dann in einem längerem Verhandlungs- und Prüfungsprozess mit diesen Banken verständigt, sie für die garantierten Verluste zu entschädigen. Das hat unserem Stiftungskapital nicht gutgetan, war aber unbedingt notwendig, um die Glaubwürdigkeit der ACGF und die Partnerschaft mit den Finanzinstitutionen aufrecht zu erhalten.

Frage: Und wie geht es jetzt weiter?

Antwort: Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir unser Garantiegeschäft wieder gestartet und neue Garantierahmenverträge abgeschlossen. Das gesamte Kreditgeschäft in Afghanistan besteht nun aus islamischen Finanzierungen, die keine Zinsen, sondern Gebühren, Gewinnmargen usw. beinhalten. Einige Geber haben großes Interesse daran, dass wir unsere Tätigkeit wieder ausweiten und insbesondere auch UnternehmerInnen fördern sowie durch die Finanzierung des Privatsektors zur Daseinsfürsorge der Bevölkerung und der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs beitragen. So hat uns die EU jetzt Mittel in Höhe von 11,9 Mio. EUR für Zuschüsse an UnternehmerInnen, Technische Assistenzleistungen und Betriebskosten gewährt. Darüber hinaus sprechen wir mit der Weltbank und der UNDP über eine weitere Bereitstellung von Garantiekapital.

Frage: Kann man denn unter den obwaltenden Umständen ein solches Geschäft überhaupt betreiben? Und wie kann eine angemessene Beteiligung der Frauen an der Arbeit der ACGF und am Kreditgeschäft sichergestellt werden?

Antwort: Die Situation in Afghanistan ist differenzierter als sie sich hier der breiten Öffentlichkeit darstellt. So ist es weiterhin möglich und auch üblich, dass Frauen im Privat- und Finanzsektor arbeiten. Wir haben inzwischen vier Mitarbeiterinnen für unser noch kleines Team bei unserer Tochterberatungsgesellschaft in Kabul eingestellt.

Im Bereich der Mikrofinanzierung, die wir vor allem mit unserem Partner OXUS Afghanistan abdecken, liegt der Frauenanteil an den Kreditnehmern nach wie vor bei ca. 50%. Frauen in Afghanistan haben kulturell bedingt besonders große Probleme, die üblicherweise geforderten Sicherheiten für eine Kreditvergabe bereitzustellen. Die Garantien der ACGF leisten daher einen besonderen Beitrag zur Teilhabe von Frauen am Wirtschaftsleben. Dies ist der ACGF und unseren Gebern sehr wichtig.

Frage: Wo setzen Sie Ihre wesentlichen Akzente bei der Entwicklungszusammenarbeit für Afghanistan und wie gehen Sie mit der neuen Regierung um?

Antwort: Die afghanische Bevölkerung braucht einen schlagkräftigen Privatsektor, der traditionell vor allem aus KMU besteht. Bei allen Schwierigkeiten sind KMU in der Lage, auf die Rahmenbedingungen zu reagieren und ihre Chancen mit Flexibilität und Initiative wahrzunehmen. In Zeiten begrenzten fiskalischen Spielraums muss vor allem der Privatsektor, im Wesentlichen KMU, Einkommen und Arbeitsplätze schaffen. Die aktuellen Rahmenbedingungen haben sich dabei durchaus nicht nur verschlechtert. Die Versorgung mit Finanzdienstleistungen, v.a. auch mit Krediten, ist für einen funktionierenden KMU-Sektor ungemein wichtig. Zugang zu Finanzierung für KMU zu schaffen und Strukturen im Finanzsektor zu etablieren und zu festigen, ist das Mandat der ACGF, dem wir auch in Zukunft verpflichtet sein werden.

ACGF arbeitet grundsätzlich ausschließlich mit privaten Banken und Mikrofinanzierungsinstitutionen zusammen. Eine Ausnahme ist in einem gewissen Umfang die Zentralbank.

Frage: Nun ist der ACGF ja ein sehr deutsches Konstrukt. Wie ist es denn mit der afghanischen Ownership?

Antwort: Vor dem Sturz der Taliban hatten wir im dreiköpfigen Kuratorium einen Mitarbeiter der afghanischen Regierung, abgeordnet vom Finanzministerium. Dieser ist dann aber auch ins Ausland emigriert.

Sehr langfristig, bei gegenüber heute deutlich veränderten Rahmenbedingungen, könnte es durchaus sinnvoll sein, die Strukturen in Afghanistan langfristig zu stärken. Zunächst einmal hat sich der Sitz in Deutschland aber außerordentlich bewährt. Ich weiß nicht, wo wir heute stünden, wenn wir das Kapital der Stiftung und die Geschäftsführung beim Umsturz in Kabul gehabt hätten.

Frage: Die ACGF Stiftung ist als Verbrauchsstiftung angelegt, d.h. sie dürfen Ihr Kapital aufzehren und tun das auch. Sie sind insofern auf gelegentliche Bereitstellung weiteren Kapitals angewiesen. Ist das ein nachhaltiges Geschäftskonzept?

Antwort: Wir müssen, damit unser Geschäftsmodell funktioniert, einen sehr hohen Aufwand in der Kreditprüfung und bei der Technischen Assistenz für unsere Partner betreiben. Der afghanische Finanzsektor ist noch nicht sehr reif und effizient. Wir wenden darüber hinaus vor dem Hintergrund unserer internationalen Geldgeber und zur Sicherstellung einer sehr guten Governance und Compliance erhebliche Anstrengungen auf. Hinzu kommt, dass unsere Partnerbanken aufgrund der Umbrüche und ihrer wirtschaftlichen Situation kostendeckende Garantiegebühren bei weitem nicht aufbringen können und wir als gemeinnützige Stiftung nicht verpflichtet sind, marktübliche Garantiegebühren zu erheben. Insofern übersteigen unsere Betriebs- und Risikokosten unsere Gebühreneinnahmen aus dem Garantiegeschäft deutlich. Wir arbeiten aber kontinuierlich daran, diese Lücke zu verkleinern. Dazu kommt, dass wir wegen der niedrigen Zinsen über viele Jahre hinweg kaum Zinseinkünfte aus der Anlage unseres Garantiekapitals generieren konnten.

Letzte Frage: Die ACGF gehört zu den erfolgreicheren Projekten der deutschen und internationalen EZ mit Afghanistan. Was kann die EZ aus den mit dem ACGF gemachten Erfahrungen lernen? Antwort: ACGF kann als Teil des afghanischen Finanzsektors betrachtet werden. Wir haben eine Struktur etabliert, deren Funktion es ist, lokales Kapital zu mobilisieren und dabei Kreditrisiken abzufedern. Auch wenn aufgrund des nicht gut entwickelten afghanischen Finanzsektors die Kreditgarantien nicht kostendeckend bereitgestellt werden können, nutzen wir privatwirtschaftliche Prinzipien, um nachfrageorientierte Finanzdienstleistungen anzubieten. In Afghanistan gibt es nicht nur einen Bedarf an Garantien, sondern auch eine Nachfrage. ACGF legt dabei sehr hohen Wert auf die vertrauensvolle Partnerschaft mit den lokalen Kreditinstituten und orientiert sich in der Umsetzung des Geschäfts an internationalen Best Practices.

Beitragsbild: Werkstattbesitzer in Kabul; Foto: Daniel Jobmann

Autor

  • Bernd Leidner

    Bernd Leidner ist Diplom-Betriebswirt; er begann seine Berufstätigkeit 1993, auch damals schon im Bereich der KMU-Finanzierung. Schon bald führte ihn sein Weg zu seiner ersten Auslandstätigkeit in den palästinensischen Gebieten, wo er ein Kredit- und Garantieprogramm für Start-ups leitete. Leidner arbeitete als Freelance-Consultant in verschiedenen Projekten und Ländern, seit 2004 beschäftigte er sich mit Afghanistan – bis 2013 vor Ort und danach als Vorstandsvorsitzender der ACGF – Afghan Credit Guarantee Foundation. Bernd Leidner ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.

Afghanistan – Finanzierung für kleinere und mittlere Unternehmen unter schwierigen Rahmenbedingungen

Bernd Leidner


Bernd Leidner ist Diplom-Betriebswirt; er begann seine Berufstätigkeit 1993, auch damals schon im Bereich der KMU-Finanzierung. Schon bald führte ihn sein Weg zu seiner ersten Auslandstätigkeit in den palästinensischen Gebieten, wo er ein Kredit- und Garantieprogramm für Start-ups leitete. Leidner arbeitete als Freelance-Consultant in verschiedenen Projekten und Ländern, seit 2004 beschäftigte er sich mit Afghanistan – bis 2013 vor Ort und danach als Vorstandsvorsitzender der ACGF – Afghan Credit Guarantee Foundation. Bernd Leidner ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.


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