Gescheiterter Militärputsch in Benin. Hat Good Governance in Westafrika eine Chance? Wie sind die 10 Jahre Präsidentschaft von Patrice Talon zu beurteilen, der im kommenden Jahr nicht zur Wiederwahl antritt? Wie sehen die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Perspektiven Benins aus?
Am frühen Sonntagmorgen, d. 7.12. ging es durch die Medien: ein Gruppe Militärs hatte die nationale Rundfunkstation Benins besetzt und erklärte Präsident Talon für abgesetzt. Um den Präsidentenpalast gab es heftige Kämpfe. Wenige Stunden später war dann allerdings klar, dass der Putschversuch gescheitert, ein Großteil der Putschisten festgenommen worden war. Der Großteil des Militärs blieb loyal, erhielt aber auch Unterstützung von der Luftwaffe Nigerias.
Viele Beobachter fragen sich nun, ob der Weg zu Militärregierungen in Westafrika nach den Putschen in Burkina Faso, Guinea, Mali und Niger unaufhaltsam ist. Die Putschisten gaben als Grund für ihre Aktion Unzufriedenheit mit der Bekämpfung islamistischer Terroristen im Norden Benins aber auch mit der Präsidentschaft von Patrice Talon an. Bei den im März 2026 anstehenden Präsidentschaftswahlen zeichnet sich ab, dass einer der engsten Mitarbeiter und Vertrauten Talons, der Finanzminister Romuald Wadagui, die Nachfolge antreten wird. Da gefällt vielen Oppositionellen nicht.
Nun ist Benin keine Insel der Seligen. Die Teuerungsrate ist zwar mit unter 3 % im Jahr niedrig, aber die rigorose Steuerpolitik von Talon, die auch große Teile des informellen Sektors erfasst hat, findet nicht nur Zustimmung. Mit einer Fruchtbarkeitsrate von immer noch 4,4 Kinder pro Frau gibt es auch in Benin viele junge, mittlerweile oft gut ausgebildete Menschen, die Schwierigkeiten haben, einen adäquaten Job zu finden, obwohl in der Präsidentschaft Talons viele neue Arbeitsplätze geschaffen worden sind. So gibt es auch in Benin Sympathie für die putschenden Militärs im Sahel, die vermeintlich ein völlig neues System schaffen und sich aus der „Abhängigkeit“ von Europa und Frankreich lösen wollen.
Wie sind die 10 Jahre Präsidentschaft von Patrice Talon zu beurteilen?
Patrice Talon, Jahrgang 1958, ist ein Self-made-Mann. Nach dem Studium im Senegal und in Frankreich baute er in Benin erfolgreich einen Handel für Agrarchemikalien (Pflanzenschutz- und Düngemittel) auf. Größter Abnehmer war der Baumwollsektor, in dem sich Talon dann Schritt für Schritt engagierte und einen Großteil der Baumwollentkernungsanlagen (z. T. aus Privatisierungen) aufkaufte. Dem folgten Engagements im Hafenumschlag usw. Anfang dieses Jahrtausends war Patrice Talon zum reichsten Mann Benins geworden. Er unterstützte zunächst zweimal die Kandidatur seines Vorgängers Boni Yayi. Als dieser entgegen der Verfassung Benins eine 3. Präsidentschaft anstrebte, entzog Patrice Talon Boni Yayi die Unterstützung. Boni Yayi klagte daraufhin Patrice Talon an, einen Mordversuch gegen ihn unternommen zu haben und zwang Talon ins Exil nach Frankreich. Mehrere enge Mitarbeiter von Talon landeten im Gefängnis. Nach einigen Jahren wurde die Anklage fallen gelassen und Patrice Talon konnte nach Benin zurückkehren.
2016 kandidierte Patrice Talon dann selbst für das Präsidentenamt und gewann die Stichwahl. Mit Amtsübernahme brachte Patrice Talon in den 10 Jahren seiner Amtszeit ein umfassendes Programm zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Modernisierung Benins auf den Weg.
Der Staatsapparat wurde gestrafft, unfähige und korrupte Beamte entlassen, Dienstleistungen digitalisiert und gleichzeitig auch die Beamtengehälter erhöht. Es wurde massiv in den Bau von Straßen, Krankenhäusern und Schulen investiert. Für 1,6 Mio. SchülerInnen wurde die kostenlose Schulspeisung eingeführt, eine Krankenversicherung für alle auf den Weg gebracht.
In dem von seinem Vorgänger Boni Yayi völlig herunter gewirtschafteten Baumwollsektor gelang es durch kluge Anreize und Privatisierung, die Baumwollproduktion in 3,4 Jahren zu verdreifachen. Gleichzeitig boomt auch die landwirtschaftliche Produktion von Grundnahrungsmitteln. Talon setzt zudem auf die Weiterverarbeitung der im Lande produzierten Rohstoffe. In einer neu eingerichteten Industriefreizone entstanden eine Fabrik zur Entkernung von Cashew-Nüssen und zwei integrierte Textilfabriken. Insgesamt konnten so durch private Investoren mit staatlicher Förderung 11.000 Industriearbeitsplätze geschaffen werden, was für Benin viel ist.
Alle diese Investitionen wurden durch eine kluge Finanzpolitik ermöglicht. Einsparungen im Wasserkopf der Administration gingen einher mit einer systematischen Verbreiterung der einheimischen Steuerbasis. Das verbesserte die Bonität Benins und erlaubte dem Finanzminister Wadagui, sich günstig und sehr langfristig auf dem lokalen Kapitalmarkt der UEMOA-Zone wie auch international durch Eurobonds zu refinanzieren. Mit 54 % liegt der Anteil der Schulden am BIP unter dem der Bundesrepublik Deutschland. Die Neuverschuldung liegt unter 3 %. Und dümpelte das Wirtschaftswachstum Benins vor der Amtsübernahme von Patrice Talon bei ca. 3,5 %, konnte es unter Talon auf ca. 7 % pro Jahr gesteigert werden. Selbst im Coronajahr wurden noch 3,5 % Wirtschaftswachstum erzielt. Dieses Wachstum liegt deutlich über dem afrikanischen Durchschnitt und wurde erzielt, obwohl das große benachbarte Nigeria – der mit Abstand wichtigste Handelspartner von Benin – wirtschaftlich schwächelt und obwohl die Weltmarktpreise für Baumwolle – dem Hauptexportprodukt des Landes – von kurzen Zeiträumen abgesehen – relativ niedrig waren.
Aber auch kulturpolitisch hat Patrice Talon bemerkenswerte Akzente gesetzt. Ein Schwerpunkt war die Rückführung während der Kolonialzeit geraubter Kulturgüter, die jetzt in dem neu errichteten Museum von Abomey einen würdigen Ausstellungsort gefunden haben.
Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass Benin unter Talon in den letzten 10 Jahren wirtschafts- und sozialpolitisch große Fortschritte gemacht hat.
Wurde der wirtschaftliche Fortschritt mit einem autoritären Regierungsstil erkauft?
Patrice Talon hat schon zu Beginn seiner Amtszeit den Präsidenten Paul Kagame in Ruanda besucht, weil er von ihm lernen wollte. Unter Paul Kagame hat sich Ruanda massiv entwickelt. Gleichzeitig ist Paul Kagame für seinen autoritären Führungsstil bekannt. Opposition ist kaum zugelassen, die Pressefreiheit deutlich eingeschränkt. Gerechtfertigt wird dies mit dem Argument, dass ein Wiederaufleben der ethnischen Konflikte zwischen Hutus und Tutsis um jeden Preis verhindert werden muss.
Die Situation in Benin ist insofern nicht vergleichbar. Dort gab und gibt es keine blutigen ethnischen Konflikte. Benin interveniert nicht – wie Ruanda – militärisch in Nachbarländer. Benin hatte vielmehr eine sehr vielfältige Parteienlandschaft mit Dutzenden von Parteien und Präsidentschaftskandidaten, viele davon entlang ethnischer Zugehörigkeiten organisiert. Dieses System war weitgehend dysfunktional. Patrice Talon hat deshalb während seiner ersten Amtszeit das Parteiensystem grundlegend reformiert. Zur Wahl wurden nur noch Parteien zugelassen, die quer durch das Land eine signifikante Repräsentanz auf lokaler Ebene nachweisen konnten. Diese grundlegende Reform führte dazu, dass die Oppositionsparteien in der ersten Amtsperiode Talons die Parlamentswahlen boykottierten. Seit der zweiten Amtsperiode ist die größte Oppositionskraft, die „Demokraten“, die auch von dem Ex-Präsidenten Boni Yayi unterstützt wird, wieder im Parlament mit einem Viertel der Sitze vertreten und übt dort auch kräftig Kritik an der Regierung, wie im Übrigen auch Teile der freien Presse.
Zum Ende seiner zweiten Amtszeit hat Patrice Talon angekündigt, nicht für eine 3. Amtszeit zu kandidieren. Damit hebt er sich von vielen seiner Präsidentenkollegen in Afrika und auch von Paul Kagame ab. Er braucht keine Angst zu haben, wegen Korruption oder Machtmissbrauchs verfolgt zu werden. Mit dem aktuellen Finanzminister Romuald Wadagui kandidiert eine Persönlichkeit, die die Ausbildung und das Format hat, die erfolgreiche Arbeit von Patrice Talon fortzusetzen. Die Tatsache, dass Wadagui aus dem engsten Umfeld von Talon stammt, wird nun manchmal als Argument angeführt, dass die kommende Präsidentschaftswahl nicht demokratisch sei. Tatsächlich werden die Beniner im März 2026 mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr frei zwischen 4 Kandidatenteams entscheiden können. Und Wadagui wird dabei mit Sicherheit keine 98 % Zustimmung erzielen.
Fazit
Nimmt man die Entwicklung in einem Großteil der afrikanischen Staaten zum Maßstab, hat Benin unter der Führung von Patrice Talon eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Teile der Bevölkerung und insbesondere der Jugend sind dennoch ungeduldig, haben höhere Erwartungen und erwarten sich von einem radikalen Umbruch des aktuellen Systems schnellere Fortschritte. Dass dieses Kalkül nicht aufgehen kann, zeigt die ernüchternde Bilanz der Militärregierungen im Sahel, aber auch das Agieren der neu gewählten Regierung im Senegal.
Benin ist deshalb zu wünschen, dass es unter dem Nachfolger von Patrice Talon seinen Wachstums- und Reformkurs fortsetzen kann und dass sich die restrukturierten demokratischen Institutionen konsolidieren. Und Patrice Talon ist sicher ein exzellenter Kandidat für den von Mo Ibrahim ausgelobten Preis für gute Regierungsführung in Afrika.
Titelbild: Patrice Talon, Präsident der Republik Bénin, sitzt neben Claudine Talon, Première Dame des Bénin, bei einer offiziellen Zeremonie am 1. August 2018. Quelle: „DEFILE“ von Présidence de la République du Bénin, CC BY-NC-ND 2.0; https://flic.kr/p/28kAbTM
